stadtplausch blog städter auf dem land teil 2

 

Fortsetzung von Teil 1. Den ersten Part verpasst? Dann geht’s hier lang.

Nachdem wir den Schock beim Anblick der zwei halbtoten Meisen überwunden haben, lassen wir uns unser Bio Frühstück schmecken. Matthias ist bereits voll in seinem Element. „Heute geht's hoch hinaus!“ Verkündet er enthusiastisch. Entsetzt stelle ich mir vor, wie ich unter ständigem Schweißfluss langsam einen Berg hinauf laufe.Vorsichtig frage ich ihn, was er sich unter hoch hinaus vorstellt. Auf seine Antwort „nur 1800 Meter“ gepaart mit einem breiten Grinsen, entgleisen meine Gesichtszüge. Eben habe ich mir noch vorgestellt den Berg hinauf zu laufen, ihn mir selbstbewusst im Schweiße meines Angesichts zu erwandern. Jetzt sehe ich mich den Berg hoch krabbeln.

Matthias fängt an zu lachen. Ich drohe ihm mit Freundschaftsentzug. Vor lauter Gelächter kugelt er sich schon fast auf dem Boden. Mir ist das alles zu blöd. Nur weil ich ein Stadtei bin, kann doch keiner erwarten, dass ich von null auf hundert so einen hohen Berg erklimmen kann. Matthias wirft mir einen beruhigenden Blick zu. Er steht auf und zupft seinen Bündchen Pyjama zurecht. Dann schiebt er seine Nickelbrille nach oben und sagt mit tiefer Stimme, im schönstem Ruhrpott Dialekt: „Schätzelein, mach Dich keine Sorgen. Dein Matthias macht das schon, weißte Bescheid. Wir nehmen die Seilbahn nach oben und dann wandern wir schön gemütlich wieder ins Tal.“ Matthias weiß genau, wie er mich zum Lachen bringt. Das klingt schon besser, finde ich.

Gutgelaunt schmieren wir uns Bio Brötchen, belegt mit leckerem Bio Käse und guter Bio Süßrahm Butter. Nach einer heißen Dusche und ein wenig Gesichtstuning bin ich startklar. Hübsch ist in meinen Augen anders, doch für den Berg soll es reichen. Matthias überkommen regelrechte Begeisterungsschübe, als er mich so sieht. Nach einem Vortrag über mein sportliches Erscheinungsbild geht es endlich los.

In der Bergbahn

15 Minuten Fahrt in Matthias Hybrid Wagen und schon sind wir da. Jetzt heißt es erst mal an der Fahrkarten Kasse anstehen. Wir ergattern unser one way Ticket hoch zum Berg. Leider fährt hier kein Frischluft Sessellift sondern nur eine Kabinenbahn. Matthias erklärt mir fachmännisch, dass der Berg zu hoch ist, um ihn mit einem Sessellift zu befahren. Die Kabinenbahn kommt in der Station an und schon geht das Gedränge und Geschiebe los. Ich fühle mich fast wie in der Frankfurter U-Bahn. Wir landen genau in der Mitte der Gondel. Um uns herum jede Menge Gesichter, sogar jüngere Menschen sind dabei. Ich hätte mit mehr älteren Semestern gerechnet. Die Gondel setzt sich in Bewegung. Meine Ohren knacksen. Plötzlich höre ich zwischen all dem Gemurmel wie jemand seinen Darm Gasen freien Lauf lässt. Es wird verdächtig still in der Bahn und alle schauen sich an. Ich vergrabe meine Nase an Matthias‘ Schulter und hoffe inständig, dass diese Fahrt ein rasches Ende hat.

Was für eine Aussicht

Oben angekommen können wir endlich wieder durchatmen. Der Ausblick ist grandios, es ist unbezahlbar schön. Der Himmel ist strahlend blau, es duftet nach Kräuterwiesen. Über uns segeln Greifvögel und stoßen ihre schrillen Schreie aus. Matthias macht ein paar Fotos von den Drachenfliegern und schon sind wir mitten drin im Abenteuer Berg. Voll motiviert laufen wir los, es geht immer schön bergab. Herrlich denke ich mir. Die Stille ist wunderbar. Hinter jeder Kurve eröffnet sich uns ein neuer spektakulärer Blick. Von hier oben sehen wir Seen, Dörfer, Schlösser, Felder und Wälder. Ich fühle mich der Natur sehr nah. Der Weg wird langsam immer enger. Wir sind nun schon einige Kilometer gelaufen, ich habe das Gefühl Bäume ausreißen zu können.

Plötzlich dreht sich Matthias mit ernster Miene zu mir um. „Es wird jetzt gleich etwas schwieriger, Du schaffst das! Und ich bin bei Dir.“ Um seine Worte zu unterstreichen, klopft er mir freundschaftlich auf die Schulter. Angst macht sich breit, Matthias weiß genau, dass ich keine Überraschungen mag. Einige Meter weiter sehe ich, was er meint. Aus dem komfortablen Weg wird ein schmaler Pfad. Links des Weges geht es hinab in tiefe Abgründe. Matthias weist mich fachmännisch an. Ich soll mich an den Seilen entlang des Pfades festhalten. Gesagt getan, langsam taste ich mich vorwärts und werde mit jedem Schritt etwas sicherer. Die Ausblicke, die sich hinter der jeweiligen Kurve auftun, entschädigen für alles. Nach einer Stunde Gehzeit schlängelt sich der schmale Weg in engen Serpentinen den Berg hinunter.

Hilfe!!

Langsam frage ich mich, ob es vielleicht einfacher gewesen, wäre den Berg auf allen Vieren zu erklimmen. Ich spüre jeden Muskel. Versunken in meinen Gedanken, reißt mich Matthias gellender Schrei aus meinen Gedanken. Gerade sehe ich noch, wie er vor mir hinten überkippt, auf einem Grashang landet und den Hang hinab rollt. „Matthias!!!“ Mein Ausruf hinterlässt ein Echo, keine Antwort. Weit und breit ist niemand zu sehen. Matthias liegt reglos am Hang. Verzweifelt überlege ich in einem Bruchteil von Sekunden, ob ich erst zu ihm hinab klettern oder erst die Feuerwehr, die Polizei oder sonst wen anrufen soll. Ein Stöhnen, Matthias bewegt sich. Wieder schreie ich verzweifelt seinen Namen. Ich muss zu ihm, da hebt er den Kopf und strahlt mich an.

„Hey, ich bin ok!“ erwidert er lachend. Ich jauchze „bist Du Dir da ganz sicher?“ Er sammelt seine Brille ein und kommt langsam auf die Beine. Außer ein paar Schürfwunden an den Unterarmen ist er völlig in Ordnung. Freudig umarmen wir uns, wir sind uns sicher, dieses Glück verdanken wir den Meisen. Ein gutes Gefühl macht sich in uns breit.

Wir laufen ein paar Meter, setzen uns an den Wegesrand und vertilgen gierig einige unserer Bio Brötchen und Bio Äpfel. Erleichtert steigen wir weiter ab. Nach einem Marsch von über 5 Stunden, erreichen wir voller Glücksgefühle im Bauch das Tal. Ich spüre jeden einzelnen Muskel. Doch der Dank über das Glück, dass wir heute hatten, überwiegt. Wir wollen nur noch zurück auf unseren Bio Bauernhof und relaxen.

„Jetzt geht’s aufs Sofa Matthias“ sage ich lächelnd und streichel ihm über den Rücken. Es ist toll, einen guten Freund wie ihn zu haben. Ich bin einfach nur froh, dass wir mit einem Schrecken davon gekommen sind. Still sende ich unseren kleinen Schutzengel Meisen ein „Dankeschön!“ Wer hätte je gedacht, dass zwei Stadteier auf dem Land in solch kurzer Zeit, soviel erleben können. Einen Tag haben wir noch vor uns. Matthias hat mir versprochen, es diesmal etwas langsamer angehen zu lassen.

 

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