
Ein paar Tage Ruhe, das wird bestimmt toll. Muss ich mir etwa gut zureden, wenn ich an meine kurze Auszeit vom Stadtleben denke? Frankfurt wird bestimmt auch ganz gut ohne mich auskommen.
Mein bester Freund Matthias hat für 5 Tage eine Ferienwohnung gemietet. Eigentlich wollte er dort romantische Stunden mit seiner neuen Flamme verbringen. Allerdings erlosch die Flamme so schnell, dass ich nun als beste Freundin einspringen darf. Ich bezeichne mich selbst als ökologisch korrekte Erdenbewohnerin, ob mich das tauglich für einen Urlaub auf dem Bauernhof macht, ist eine andere Frage.
Allein fürs Koffer packen habe ich Stunden gebraucht. Ich weiß ja nicht, was es da so gibt. Matthias sagte pragmatisch, „packe was Bequemes ein, wir sind auf dem Land.“ Was ist wenn wir schick essen gehen, da kann ich doch nicht in meiner bio cotton boyfriend cut Jeans und meinen veganen Sneakern sitzen?! Ich weiß, Männern sind derartige Probleme fremd.
Die Reise geht los
Es klingelt an der Tür, das ist bestimmt Matthias die große Reise vom Stadt-Ei auf's Land kann beginnen. Enthusiastisch laufe ich die Treppe meiner Bornheimer Wohnung hinunter. Im Schlepptau einen Koffer, eine Reisetasche und meine vegane Handtasche.
Als Matthias mich sieht bricht er in schallendes Gelächter aus. Ein Paar Wanderschuhe, Outdoor Klamotten und Waschzeug hätten es schon getan, klärt er mich energisch auf. Den Versuch ihm zu erklären, dass all diese Dinge wichtig für mich sind und ich einfach gut vorbereitet sein möchte, erspare ich uns beiden besser.
Hier riecht's ganz anders als in Frankfurt
Nach fünf Stunden Fahrt inklusive einer Stunde im Stau rollt Matthias Hybrid Auto auf eine Hof Einfahrt, mitten im Nirgendwo. Die Vorstellung, dass wir gerade Mal vier Stunden (ohne Stau) von Frankfurt entfernt sind erscheint fast unwirklich. Matthias hat einen glücklich, verklärten Blick auf dem Gesicht, als wir aus dem Auto steigen.
Mir fällt fast die Nase ab. „Nach was riecht das hier?“ frage ich Matthias näselnd. Mein Gesicht scheint Bände zu sprechen, entsetzt überlege ich ob ich von dem Gestank schon grün angelaufen bin. Er lacht und erzählt was von gesunder Landluft dem Stall, einem Misthaufen auf dem sich Hühner tummeln und jede Menge grüner duftender Wiesen. Ich meine, duftend ist irgendwie anders.
Eine nett lächelnde Frau mit krummem Rücken zeigt uns unsere Ferienwohnung. Alles sieht nett aus, viel Holz und Platz für eine halbe Garnison. Matthias betont mir gegenüber, dass alles nach ökologischen Gesichtspunkten renoviert wurde, schließlich sind wir hier auf einem Bio Bauernhof. Ist ja alles schön und gut denke ich mir. Gleichzeitig spiele ich mit dem Gedanken, mir eine Wäscheklammer an die Nase zu stecken, um der guten Landluft zu entkommen.
Matthias findet alles einfach nur toll. Jetzt will er mit mir zur Kuhweide um uns den Kühen vorzustellen. Langsam zweifel ich an dem Verstand meines besten Freundes. Zu meiner Überraschung nehmen einige der Kühe tatsächlich Notiz von uns. Eine lässt sich sogar von mir streicheln. Matthias setzt sein Gewinnerlächeln auf. Langsam werde ich müde und möchte nur noch liegen. Ob das von der guten Luft kommt, die Matthias immer wieder so hervorhebt?!
Im Bett macht sich Matthias sich über meine Wollsocken lustig. Da kenne ich keinen Spaß, schließlich hat Oma die gestrickt! Zudem sehe ich damit bestimmt besser aus, als er in seinem Pyjama mit Bündchen. Wir schmeißen uns auf's Bett und machen gemeinsam schicke Pyjama Fotos.
8:00 am nächsten Morgen
Unfassbar, ich bin von ganz alleine wach geworden. Erst Mal Kaffee kochen. Auf dem Weg in die Küche fällt mir ein, dass Matthias etwas von einem Bio Brötchen Service gesagt hat. Verstohlen öffne ich die Haustür und tatsächlich, da liegt eine Tüte voller köstlicher Brötchen.
Langsam beginnt mir der Urlaub auf dem Bio Bauernhof zu gefallen. Heute riecht es bereits deutlich erträglicher als gestern. Ich öffne die Tür zum Balkon und da sehe ich sie, da liegen zwei Meisen auf dem Boden. „Matthias, Matthias komm bitte sofort her!“ kreische ich hysterisch. Verschlafen trottet Matthias aus dem Schlafzimmer. Entsetzt zeige ich ihm die vermeintlich toten Vögel. Matthias hebt die Zwei fachmännisch hoch, begutachtet sie durch seine Nickel Brille und legt sie auf den Terrassen Tisch.
Urlaub auf dem Bauernhof habe ich mir wirklich anders vorgestellt. Bestürzt gehe ich in die Küche und google mit meinem Handy nach dem nächsten NABU Ansprechpartner. Niemand zu erreichen, keine Wunder an einem Sonntag Morgen, irgendwo auf dem Land. Matthias winkt mich auf den Balkon. Zu meiner Freude können die kleinen Piep Mätze wieder sitzen.
Erleichtert zeigt mir Matthias Spuren am Fenster und erklärt mir, dass die Meisen bestimmt gegen die Scheibe geknallt sind und sich erst von dem Aufprall erholen müssen. Während wir leise, wie vor einem sterbenskranken Patienten über die Vögelchen sprechen, flattert die erste Meise schon los.
Welch' ein wunderbares Gefühl. Ich könnte vor Freude die ganze Welt umarmen. Fröhlich zwitschernd landet die Meise im einem der nahen Bäume. Ich glaube sie ruft ihren Kumpel. Und schon fliegt auch die Zweite los. Wir sind beide erleichtert und beschließen vor dem nächsten Highlight erst Mal einen Kaffee zu kochen.
Wer hätte gedacht, dass Urlaub auf dem Bauernhof so abenteuerlich sein kann. Ich bin gespannt was uns hier noch erwartet.
Fortsetzung Städter auf dem Land Teil 2
